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Einkaufen zur „Quiet Hour“: eine Stunde Ruhe für Menschen mit Autismus

Kiri Hannifin, Filialleiterin eines neuseeländischen Supermarktes, führt die „Quiet Hour“ ein. Sie soll Autisten ein angenehmeres Einkaufen ermöglichen. Dafür stellt die Supermarktkette Countdown für eine Stunde pro Woche die Musik ab und dimmt das Licht.

Wenn der Einkauf zur Herausforderung wird

Der Einkauf im Supermarkt ist für die meisten keine große Sache. Hier und da gibt es immer wieder Neues zu entdecken: Schnäppchenpreise auf knalligen Tafeln machen auf sich aufmerksam. Aus dem Supermarktradio ertönen liebliche Klänge, die über die neuesten Angebote berichten. Ein Einkaufserlebnis, das alle Sinne berührt, soll die Kauflust anregen. Für Autisten ist das alles andere an angenehm. Gehen die Glastüren auf, beginnt für sie der blanke Horror. Grelle Lichter, quietschende Einkaufswagen, piepsende Kassen – für Autisten sind diese Eindrücke ziemlich anstrengend. Sie kommen einer ständigen Reizüberflutung gleich.

Autisten sollen in Ruhe einkaufen können

Die Mutter eines kleinen Jungen brachte die neuseeländische Supermarktkette Countdown dazu, die „Quiet Hour“ einzuführen. Ihr Sohn leide an Autismus. Im Supermarkt seien seine Sinne von allen möglichen Einflüssen abgelenkt – eine schwierige Situation für Mutter und Kind. Sie weiß, dass viele alltägliche Situationen für Menschen mit Autismus echte Herausforderungen darstellen können. Es fällt es ihnen schwer, überflüssige Reize von den wesentlichen zu trennen. Das überfordert die Sinneskanäle und erschwert den Alltag.

In der „Stillen Stunde“ wird es in der Neuseelands Supermarktkette Countdown etwas ruhiger. Dafür dimmen die Mitarbeiter die Lampen im Markt und die Geräuschkulisse wird maximal eingedämmt: In der „Quiet Hour“ ertönt keine Musik. Es wird spürbar ruhiger in den Gängen. Der Krach der lange Einkaufswagenkolonnen ist verschwunden. Selbst auf das Verräumen neuer Warenanlieferungen verzichtet das Team in dieser Stunde.

Internationales Interesse für die Bedürfnisse von Autisten

Seit einem Jahr läuft die Testphase. Teilnehmende Märkte berichten von positivem Zuspruch: Nicht nur Autisten, sondern auch ältere Kunden und Menschen, die an Angststörungen leiden, fühlten sich in der „Quiet Hour“ deutlicher wohler beim „normalen“ Einkaufen.

Neuseeland ist nicht das einzige Land, das sich mit dem Thema beschäftigt. Viele Supermärkte in Großbritannien und Polen haben sich bereits ein Beispiel genommen und das Konzept der „Stillen Stunde“ bei sich eingeführt. Es bleibt abzuwarten, wie der deutsche Einzelhandel darauf reagiert.

Wirtschaftlicher Zwiespalt: Das Konzept, alle Sinne anzusprechen

Heutzutage bekommen Kunden ein audiovisuelles Einkaufserlebnis geboten. Die Strategie der Märkte ist einfach: Kunden sollen gern in die Läden kommen, Neues entdecken und sich wohlfühlen. Dafür werden alle Sinne angesprochen. So werden potenzielle Kunden zum Zugreifen motiviert. Das Bewusstsein reagiert auf die verschiedenen audiovisuellen Einflüsse. Zwar ist es von Mensch zu Mensch unterschiedlich, wie intensiv diese Wahrnehmung zu spüren ist, doch Tatsache ist: Licht, Klang und Farben wirken sich auf die Stimmung aus. Blaues, kaltes Licht gilt beispielsweise als Stressverstärker. Im Kassenbereich würde es eher für eine allgemeine Unruhe sorgen. Damit das Einkaufserlebnis nicht zur stressgeplagten Hetzjagd wird, achte das gängige Supermarkt-Konzept daher ohnehin auf ein harmonisches Gesamtkonzept.